Unter den prominenten Experten waren (alphab.): MdB Knut Abraham, Botschafter a.D. Dr. Volker Berresheim, Botschaftsrätin Dr. Christiana Christova, Dr. Sigrun Comati, Dr. Peter Fäßler, Dr. Marcel Israel, Honorarkonsul Werner Jostmeier, Generalkonsul a.D. Dr. Dr. Rolf Krause, Dr. Martin Kröger, Sabine Lefèvre, Prof. Dr. Sabine Mangold-Will, PD Dr. Ulf Morgenstern, Botschafterin a.D. Gudrun Steinacker, Prof. Dr. Stefan Troebst, Prof. Dr. Markus Wien, u.v.a.m.
Generalkonsul a.D. Dr. Dr. Rolf Krause, Botschafterin a. D. Gudrun Steinacker, Prof. Dr. Stefan Troebst. Foto: Otto-von-Bismarck-Stiftung
Am 19. März hat das Deutsch-Bulgarische Forum gemeinsam mit dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts und der Otto-von-Bismarck-Stiftung im Auswärtigen Amt ein Expertengespräch ausgerichtet. Thema war „Der Berliner Kongress von 1878 und seine Auswirkungen bis heute.“
Der Leiter des Politischen Archivs, Dr. Martin Kröger, präsentierte das Original der Generalakte des Berliner Kongresses mit den Siegeln der beteiligten Mächte. Neben der Leitung der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Dr. Ulf Morgenstern und Prof. Dr. Sabine Mangold-Will war auch die Präsidentin der Deutsch-Bulgarischen Gesellschaft, Dr. Sigrun Comati, als Partnerin unserer Veranstaltung vertreten.
Erstmals hat eine vergleichbare internationale Diskussionsrunde bei diesem Thema die bulgarische Perspektive aufgenommen, denn zum Termin des Kongresses 1878 war Bulgarien kein Völkerrechtssubjekt und deshalb von den Verhandlungen ausgeschlossen, obwohl das in Rede stehende Territorium in Südosteuropa großenteils von Bulgaren besiedelt war. Die damaligen Großmächte verhandelten vor allem unter sich.
Bis heute übernimmt das bulgarische Geschichtsverständnis die von Russland als panslawistisch definierte politische Interpretation, wonach beim russisch-ottomanischen Krieg Südosteuropa – vor allem Bulgarien - durch Russland „vom Türkischen Joch befreit“ worden sei. Das eigentliche Ziel des Berliner Kongresses, 1878 einen Krieg unter allen beteiligten Großmächten zu verhindern, wird von dieser Perzeption bis heute verschwiegen. Tatsächlicher hat das diplomatische Geschick des gesundheitlich schwer angeschlagenen Bismarck als „ehrlicher Makler“ Europa seinerzeit einen Großkrieg erspart, den 35 Jahre später niemand mehr verhinderte, und der dann zum ersten Weltkrieg eskalierte.
Tatsächlich hat der Berliner Kongress den russisch-ottomanischen Präliminarfriedensvertrag von San Stefano abgeräumt, der weder von Großbritannien, noch von Habsburg oder Frankreich anerkannt war und unmittelbar einen Folgekrieg unter Beteiligung dieser Großmächte gegen Russland und verbundene Volksgruppen nach sich gezogen hätte.
Durch die Ergebnisse des Kongresses waren sowohl das russische Kriegsziel einer Eroberung Konstantinopels als auch der von Russland vorrangig erstrebte territoriale Zugang zum Schwarzen Meer, zur Ägäis und zur Adria vom Tisch. Im von Russland geprägten bulgarischen Verständnis wird dies bis heute als strategischer Verlust empfunden. Tatsächlich aber erlebten Bulgaren und die Angehörigen der anderen örtlichen Völkerschaften die in Berlin gefundene Friedensregelung nur insofern als unbefriedigend, als ihre ohnehin inkompatiblen kulturellen Ansprüche und Autonomieforderungen nicht uneingeschränkt erfüllt, sondern in neue feudale Strukturen eingebunden wurden. So wurde der hessische Prinz Alexander von Battenberg, Neffe des Zaren Alexander II, zum Fürsten des jetzt von einer russischen Militärverwaltung kontrollierten Bulgariens. Er sah sich in der Folge als Wahrer bulgarischer Interessen im Sinne der neuen Verfassung von Tarnovo und begann grundlegende politische Reformen. Außerdem obsiegte unter seiner Führung Bulgarien entgegen russischer Vorgabe in der militärischen Auseinandersetzung mit Serbien, woraufhin Russlands Zar Alexander III dem jungen Fürsten sein Amt wieder nahm und ihn durch eine willfährigere Marionette - ebenfalls aus seiner Verwandschaft - ersetzte.
Überhaupt zeigt die Entwicklung seit dem Berliner Kongress, dass Russland seither – also über hundert Jahre lang konsequent die tradierten Friktionen zwischen den kontrollierten nichtrussischen Bevölkerungsgruppen nicht etwa inhaltlich/kulturell aufgearbeitet, sondern ausgleichende Diskurse mittels zwangsassimilierender Doktrinen konsequent unterdrückt hat.
Interessengegensätze - etwa unter einem europäischen Dach - konstruktiv zusammenzuführen und zum gegenseitigen Verständnis zu respektieren ist deshalb in Bulgarien als politisches Ziel bis heute ebensowenig verbreitet wie in der ebenfalls seit über hundert Jahren russisch indoktrinierten regionalen Nachbarschaft. Auch geschichtsklitternde russische Narrative, deren Fake-Botschaften das Denken sowohl in Russland selbst wie auch in den früheren Vasallenstaaten bis heute dominieren, stehen konstruktivem Ausgleich im Wege, zumal sie – z.B. während des ‚Kalten Krieges‘ von wechselnden totalitären politischen Führungen jeweils immer wieder neu verzerrt propagiert wurden.
Russlands aktuelle hybride Kriegführung gegen Europa missbraucht seine pseudo-historischen Doktrinen inzwischen aggressiv mittels vielgestaltiger Dauerpropaganda im Cyber-Raum durch „soziale Medien“, Botnetze, Sabotage- und andere Schadsoftware, sowie zahlreicher von russischen Diensten beauftragter ‚Influencer‘ unter Einsatz enormer finanzieller und personeller Ressourcen und Spionage-Mittel einschließlich durch künstlicher Intelligenz gezielt gefälschter Unwahrheiten (Fakes).
In der aktuellen Polykrise stehen Autokratien gegen Pluralismus. Systematisch gefälschte Geschichtsbilder beschädigen demokratische Haltungen bei Politik und Gesellschaften in Europa, einschließlich Bulgariens (und Deutschlands). Der Berliner Kongress war ein Anlass und Ausgangsdatum für solch totalitäre russische Politik, die bis heute bestürzend wirksam und gefährlich bleibt. Unser Expertengespräch konnte diese Zusammenhänge einmal mehr eindrucksvoll verdeutlichen.